Nach zehn Monaten im Amt rätseln viele noch immer, ob Gesundheitsministerin Nina Warken nun eigentlich eine Fehlbesetzung ist oder nicht. Die Antwort wird sich allerdings in den nächsten Monaten von allein ergeben. Das ist das Zeitfenster, das die Ministerin sich selbst gegeben hat, um aus den zahlreichen Eingriffen, die die von ihr eingesetzte Finanzkommission Gesundheit am 30. März vorgestellt hat, gesetzgeberische Folgen abzuleiten. Noch vor der Sommerpause, so gibt sie überall zu Protokoll, soll ein entsprechendes Gesetz verabschiedet werden. Parallel arbeitet die Kommission an ihrem ‚Ergebnisbericht 2‘, der sich in Ergänzung zu den bisher vorgelegten Sparvorschlägen mit echten Strukturreformen befasst. Die Veröffentlichung dieses Berichtes hat Warken im Zuge der Pressearbeit zu Teil 1 gerade auf Oktober 2026 vorgezogen. Sie macht also ohne Zweifel jede Menge Druck. Die Frage ist daher, ob es ihr auch gelingt, von der Ankündigung in die Umsetzung zu kommen.
Was das betrifft, geht Nina Warken in die Offensive: „Ich habe keine Angst vor Kritik. […] Es geht um nicht weniger als die Zukunft unseres Gesundheitswesens.“ (~ FAZ-Interview v. 3. April) Und tatsächlich ist schon allein ihre Bilanz beeindruckend, zumindest wenn man reinweg den gesetzgeberischen Outcome misst. Über einige der größeren Reformprojekte, die natürlich inhaltlich sämtlichst umstritten sind, hatten wir berichtet: Die Apothekenreform hat im Februar den Bundestag erreicht (~ Bericht zur 1. Lesung), die Korrektur der Krankenhausreform ist bereits in Kraft (~ PRAXIS.KOMPAKT KW11), zur geplanten Notfallreform gibt es nach großen Diskussionen um den ersten Gesetzesentwurf seit 31. März eine Anpassung (die noch größere Diskussionen verursuacht), die vorgeblich noch im April das Kabinett passieren soll (~ Bericht v. 13. April). Und für das Digitalgesetz, das sich u.a. mit der Rolle von ePA und eÜberweisung befasst, hat das BMG vergangene Woche mit Veröffentlichung des 201 Seiten umfassenden Referentenentwurfes den Startschuss gegeben. (~ Bericht v. 2. April)
Aber klar, die Hauptbewährungsprobe steht noch aus: Wie geht Nina Warken mit den entfesselten Lobbykräften um, die lautstark und mit bisweilen unfairen Attacken darum ringen, Reformen und Einschnitte im jeweils eigenen Bereich zu verhindern. Fachmann Franz Knieps, seinerzeit Gesundheitsstaatssekretär von Ulla Schmidt, schreibt dazu in seinem launigen Kommentar: „Standhaftigkeit ist Teil der Jobbeschreibung … und deshalb muss sie den Lobbydruck aushalten. Gefährlich wird es für … Nina Warken, wenn sie Einzelinteressen, so berechtigt sie auch scheinen mögen, nachgibt. Das erschüttert die Statik eines abgewogenen Gesamtpakets und ermuntert alle anderen Akteure, weitere Teile aus diesem Paket herauszubrechen.“ (~ Frankfurter Rundschau v. 8. April) Gibt die Ministerin der einen Lobbygruppe nach, schlußfolgert Knieps zutreffend, gäbe es kein Halten mehr, und ihre Durchsetzungsfähigkeit ginge gegen Null. Konsequenterweise hängt Warkens Geschick als BMG-Chefin in den nächsten Monaten vorrangig davon ab, hart zu bleiben.
Das bedeutet schlechte Aussichten für die TSVG-Honorare, deren ersatzlose Streichung einer der 66 Kommissionsvorschläge zur finanziellen Stabilisierung des Systems ist. Konkret dazu sagt Warken, angesprochen auf die scharfen Proteste der Ärzteschaft dagegen: „Teile der Gesundheitsbranche sind sehr schnell sehr aufgeregt und laut. Es kann nicht sein, beim Sparen immer nur auf andere zu zeigen. (…) Es ist okay, Kritik zu üben, aber man sollte nicht so kommunizieren, dass die Menschen Angst bekommen ... Der Bundesrechnungshof hat kritisiert, dass die Zusatzvergütung außerhalb des Budgets die Wartezeiten nicht verringert. Das können wir nicht ignorieren. Insofern ist es richtig, ein solches Instrument infrage zu stellen.“ (~ Quelle) Damit muss sich die ambulante Versorgung zu dieser Honorarfrage reell auf wirklich schwierige Verhandlungen einstellen, wobei das Projekt Primär(arzt)versorgung noch on top kommt. Denn auch zu diesem strittigen Reformprojekt hat Nina Warken einen Zeitplan vorgegeben, der bis Sommer die Vorlage erster Entwürfe vorsieht. Das betont sie immer wieder.
Und die Ministerin mag vielleicht "blass" sein, wie aktuell der Spiegel befindet (~ 31. März), oder "mehr Moderatorin als Führungsfigur," wie das Handelsblatt schreibt (~ 12. April) – aber eines ist sie unserer Meinung nach gewiss nicht: sonderlich naiv oder blauäugig. Allerdings muss sich natürlich zu dieser Frage jeder seine eigene Meinung bilden. Gelegenheit bieten ihre zahlreichen aktuellen Auftritte, z.B. der im MoMa v. 9. April: Warken: Bei Gesundheitsreform müssen alle einen Beitrag leisten. Eine weitere Gelegenheit ist der 15. April, wenn sie dem Gesundheitsausschuss des Bundestages 90 Minuten lang Rede und Antwort zu ihrem Vorhabenplan steht: Gesundheitsausschuss will mit Ministerin Warken beraten. Alle, die sich strategisch mit der Frage befassen (müssen), wann sich unser Gesundheitssystem wie entwickelt, und welche Meilensteine Nina Warken dafür setzt, sollten sich diesen Termin vormerken.
Immerhin bekommt die Ministerin für ihr Mammutvorhaben aktuell - zumindest den öffentlichen Äußerungen nach - breite Rückendeckung der Regierungskoalition. Bundeskanzler Merz erklärte am 13. April im Ergebnis zweitägiger Koalitionsberatungen, dass schon Ende April ein entsprechender Gesetzentwurf im Kabinett verabschiedet werden soll: „Es ist Jahrzehnte her, dass in diesem Umfang einmal das gesetzliche Krankenversicherungssystem reformiert worden ist. Wir werden es tun. (…) „Wir haben diese Ideen, die Vorschläge der Kommission im Grundsatz gebilligt und das Ministerium beauftragt, den Gesetzentwurf jetzt fertigzustellen.“ (~ Quelle) Nina Warken soll ergänzend betont haben, so wird berichtet, dass sie bis zu 90 Prozent der Vorschläge umsetzen möchte, und dass das Kanzleramt die Stabilisierung der Beiträge auf der Tagesordnung ganz nach oben gesetzt habe. (~ Table.Media v. 13. April)
Man muss lange zurückdenken, um sich an eine Legislatur zu erinnern, in der Reformen bei der Gesundheits- und Sozialpolitik eine ähnliche hohe Priorität hatten … und landet unweigerlich bei Ulla Schmidt, inzwischen 76 Jahre alt, und der Legislatur ab 2004. Es soll auch vor Kurzem ein Treffen zwischen den beiden Frauen gegeben haben, über das Nina Warken am 4. April berichtete: „Das war ein sehr interessantes Gespräch in guter Atmosphäre. Ich sehe heute ähnliche Zwänge: Wir müssen unangenehme Entscheidungen treffen. Insofern gibt es zwischen Ulla Schmidt und mir durchaus Parallelen.“ (~ Quelle) Letztere wiederum gab am 11. April auf die Frage, ob sie angesichts der schwierigen Aufgabe, vor der Nina Warken stehe, Mitleid habe, zu Protokoll: „Mitleid braucht es da nicht. Ich wünsche der Koalition die nötige Kraft und Durchhaltevermögen. Manchmal muss man da durch ein Tal gehen. […] Man legt sich mit den größten Lobbygruppen des Landes an, aber den Druck muss man aushalten.“ (~ Quelle)
Der Chefredakteur von Apotheke Adhoc befindet diesbezüglich im unten verlinkten Artikel: „Offenbar hat man [Nina Warken] bislang maßlos unterschätzt.“ Sie habe sich einen Meinungs- und Maßnahmenkatalog bestellt, der das perfekte Druckmittel gegenüber allen Betroffenen sei. „Sie kann nun in aller Ruhe ins Gesetzgebungsverfahren gehen und die Leistungserbringer nach Belieben an der Kandare halten. Nicht umsonst wirkte sie bei der Präsentation so gelassen wie noch nie.“ Dieser Deutung schließen wir uns für den Moment an.